„Wir müssen die Strukturen ändern, nicht den Menschen“ | Food & Farm
Jäger der verlorenen Schätze
27. Oktober 2017

„Wir müssen die Strukturen ändern, nicht den Menschen“

Autor: Gerd Schild

Es ist doch eine Krux mit dem Menschen: Besonders in Umweltdingen handelt er nicht, wie er im Herzen will. Michael Kopatz hat ein Rezept – der Umweltwissenschaftler fordert mehr Regeln, die uns zu unserem Glück zwingen sollen. Diese idee hat der 46-jährige Projektleiter im Wuppertalinstitut für Klima, Umwelt, Energie in seinem Buch „Ökoroutine“ (oekom Verlag) beschrieben.

Ein Interview über die Einführung verbindlicher Standards in Industrie und Landwirtschaft.

„Wir sind perfekte Verdrängungskünstler“

FOOD & FARM: Herr Kopatz, viele der Bürger in Deutschland wünschen sich einen besseren Umweltschutz und noch mehr artgerechte Tierhaltung. Das Konsumverhalten passt dazu oftmals aber gar nicht. Sind wir Menschen Egoisten?

Michael Kopatz: Wir sind perfekte Verdrängungskünstler. Das ist hilfreich, um als einzelner Mensch mit schlimmen und unausweichlichen Situationen umzugehen. Fatal wird diese Haltung aber bei Themen, die uns nicht unmittelbar betreffen. Wir wissen, dass etwas im Argen liegt und Tiere nicht immer artgerecht gehalten werden. Doch das blenden wir aus.

FOOD & FARM: Sie sagen, mit Vorgaben aus der Politik würden Verbraucher endlich das machen, was sie ohnehin für richtig halten.Warum machen wir das denn nicht?

Michael Kopatz: Es gibt dafür viele Gründe: Werbung, den Wettbewerbsdruck zwischen Unternehmen, das Aktionärswesen und besonders den Wachstumsdruck in der Wirtschaft. Die Menschen sagen sich: Klimaschutz ist eine gute Sache, aber warum soll gerade ich jetzt anfangen und den Wagen stehen lassen? Jeder denkt sich, was bringt das, wenn ich allein den Anfang mache. Wir stehen dieser Gemengelage fast ohnmächtig gegenüber und lassen uns überwältigen. Deshalb sind andere Wege gefragt.

FOOD & FARM: In Ihrem aktuellen Buch haben Sie den Begriff der „Ökoroutine“ entworfen. Ein „Ideenbuch zur Erlösung der Konsumenten“ – verspricht das Buchcover. Von was werden wir erlöst?

„Gesellschaftliches Engagement allein reicht nicht“

Michael Kopatz: Die „Ökoroutine“ geht weg von der Idee des achtsamen Konsumenten, der die Welt mit seinem Konsumverhalten verändert. Die Moral am Küchentisch ist das eine, aber wenn wir wirklich etwas ändern wollen, müssen wir an die Standards der Produktion ran. Wir müssen die Strukturen ändern, nicht den Menschen.

FOOD & FARM: Ist das Konzept des mündigen Bürgers also gescheitert?

Michael Kopatz: Nein, Veränderung braucht gesellschaftliches Engagement. Aber das allein reicht nicht. Nehmen Sie die Sicherheitsgurte im Auto: Jahrelang gab es Kampagnen, mit TV-Spots und Plakaten – und doch schnallte sich kaum jemand an. Dann wurde es Pflicht, und die Anzahl der Verkehrstoten sank. In Sachen Biolebensmittel und Landwirtschaft haben wir es jetzt 30 Jahre lang mit Information versucht. Dennoch ist der Anteil des ökologischen Anbaus weiter nur sehr gering. Wenn das so weitergeht, dauert es wahrscheinlich noch einmal 80 Jahre, um Bio in die Flächen zu bekommen. Wenn aber die Standards in der gesamten Erzeugungs- und Handelskette verändert werden, ist kein Widerstand der Verbraucher zu erwarten und auch unter den Landwirten herrscht Chancengleichheit.

FOOD & FARM: Ihre Vorschläge sind Eingriffe in die Freiheitsrechte der Menschen. Ist das nicht eher Ökodiktatur?

Michael Kopatz: Wir dürfen eines nicht vergessen: Durch unser ökologisches Fehlverhalten greifen wir massiv in die Freiheitsrechte der zukünftigen Generationen ein, was wir ganz gut verdrängen. Außerdem ist die Geschichte der Zivilisation eine Geschichte der Entwicklung von Regeln. Wir akzeptieren Eingrie in unsere Freiheitsrechte, überall und jeden Tag. Denken Sie nur an die Verkehrsregeln. Ohne gäbe es Chaos. Auch in der Tierhaltung wurden Regeln geschaffen, und so haben sich die Bedingungen in den letzten 30 Jahren deutlich verbessert. Die Auslauffläche für ein Legehuhn etwa hat sich seit 2003 fast verdoppelt. Ich fordere im Grunde nur, diesen versteckt angelegten Fahrplan einfach konsequent weiterzuführen.

„Der Schlüssel sind allgemeine Standards“

FOOD & FARM: Wie sieht denn Ihre Vision für die Landwirtschaft 2038 aus?

Michael Kopatz: Mit meinem Modell wären in der Europäischen Union 100 Prozent Bio- landbau denkbar – und zwar innerhalb der nächsten 20 Jahre. Der Schlüssel dafür sind die allgemeinen Standards. Im europäischen Markt könnten sie wie eine Flut wirken, die alle Boote anhebt. Es gäbe nur Gewinner, keine Verlierer.

FOOD & FARM: Die Preise, etwa für Fleisch, würden damit aber auch deutlich steigen.

Michael Kopatz: Gestaltet man die Veränderungen als schleichenden Prozess, dann sind die Auswirkungen nur gering. Ich plädiere dafür, dass die Tierhaltung nach und nach weiterentwickelt wird. Eine gewisse Verringerung des Fleischkonsums stellt sich gegenwärtig ohnehin ein, was vom ökologischen Standpunkt richtig ist. Die Kosten steigen also nur langsam. Außerdem wäre eine flächendeckende ökologische Erzeugung kosteneffzienter als die bisherige Nischenproduktion.

FOOD & FARM: Sie sprechen von Vorgaben, die den Wandel der Landwirtschaft in Deutschland beschleunigen, aber wir sind doch keine Insel.

Michael Kopatz: Über die Agrarwende wird viel gestritten. Doch die Gräben können leicht überwunden werden. Viele konservative Landwirte sagen mir: Wenn die Wettbewerber in den Nachbarländern die gleichen Bedingungen haben, dann haben wir mit höheren Standards kein Problem. Und das sagen die Konzernchefs in vielen anderen Branchen ja auch. Die bestehenden Vorgaben sollten deshalb verändert werden – und zwar europaweit. Und zum Teil könnten sie auf diesem Wege auch wieder deutlich einfacher werden. Eine „Ökoroutine“ eben.

„Es gibt viele Beispiel für sinnvolle und gute Standards in der EU“

FOOD & FARM: Warum gilt die EU dann vielen als Bürokratiemonster?

Michael Kopatz: Die nationale Politik schimpft ja gern auf die EU, um von sich selbst abzulenken und den schwarzen Peter nach Brüssel zu schieben. Doch es gibt viele Beispiele, wie die EU sinnvolle und gute Standards gesetzt hat: Geräte verbrauchen heute im Stand-by nur noch ein halbes Watt – früher waren das bis zu 30 oder gar 60 Watt. Und der schrittweise Abschied von der Glühbirne hat die Innovation bei LED-Lampen so richtig befeuert.

FOOD & FARM: Warum haben dann die Bundeslandwirtschaftsminister zuletzt nicht versucht, die Standards zu ändern?

Michael Kopatz: Weil sie vielleicht dachten, dass sie damit die Agrarindustrie gegen sich hätten. Monsanto und BASF sind von meinen Vorschlägen nicht begeistert. Aber auch hier helfen Erfahrungswerte: Große Energiekonzerne wie RWE und Vattenfall haben sich zunächst geweigert, Atomkraftwerke zu schließen und in erneuerbare Energien einzusteigen. Wenn wir darauf gewartet hätten, dass die Verbraucher auf Ökostrom wechseln, hätten wir lange warten können. Menschen entscheiden meist nicht mit Rücksicht auf langfristige Folgen, sondern mit Blick auf ihr Portemonnaie. Und bei den Konzernen geht’s im Prinzip nur um die Aktionäre.Wenn die Politik hier keine anderen Impulse setzt, ist das mutlos und kurzsichtig.

FOOD & FARM: Politiker verweisen auf die Gefahr von Arbeitsplatzverlusten, die droht, wenn die Produktionsstandards in einem bestimmten Bereich verbindlich angehoben werden. Zu Unrecht?

Michael Kopatz: Da ist Politik oft nicht seriös. Durch die letzten Reformen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sind etwa 50 000 Jobs verloren gegangen. Darüber hat sich keiner aufgeregt. Aber gleichzeitig werden die Braunkohle und der Tagebau bis heute erbittert verteidigt. In diesem Bereich sind bundesweit 20 000 Menschen beschäftigt. Statt so zu argumentieren, sollte Politik ein Innovationsmotor sein und eine gestalterische Rolle übernehmen. Denn mit einem guten und langfristigen Plan kann man auch Umbrüche gestalten. In Sachen ökologische Landwirtschaft greift das Arbeitsplatzargument aber ohnehin nicht. Durch höhere Standards wird es sicher nicht zu einem Verlust von Arbeitsplätzen kommen – ganz im Gegenteil. Bei der Erzeugung von Bioprodukten ist ein höherer Arbeitseinsatz nötig.

FOOD & FARM: Angenommen, Sie hätten ein paar Wünsche an die EU-Vertreter frei – wo würden Sie die „Ökoroutine“ als Erstes umsetzen?

Michael Kopatz: Wir brauchen Limits auf der Straße, im Flugverkehr, bei Emissionen. Wir werden nicht verhindern, dass ein Unternehmen wie Amazon in den Lebensmittelmarkt drängt und uns alles von weit her nach Hause liefert. Wir müssen aber nicht immer neue Straßen bauen, die diesen Transportwahnsinn unterstützen.

 

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Das Magazin für Selbstversorger und Genießer. Bei uns erfahren Sie alles rund um bewusste Ernährung, wir geben Tipps zum Gemüse- und Obstanbau im eigenen Garten, auf dem Acker oder Balkon und zeigen Ihnen, wie Sie Ihre Ernte verarbeiten können. Obendrauf gibt’s kreative Rezepte und Anregungen für die eigene Küche.
Unsere Themen im neuen Heft:

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