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Diese französische Insel ist voller feiner Schätze

Text: Catrin Frierichs

Von oben betrachtet sieht Noirmoutier aus wie eine Stielkasserolle. Das passt. Denn die Atlantikinsel an der französischen Küste ist Heimat erlesener Zutaten: In den Salzgärten wird Fleur de Sel geschöpft, das Meer vor Noirmoutier ist reich an Austern, Venusmuscheln und Fisch. Die Botschafterin dieser Schatzinsel aber ist eine kleine Frühkartoffel. La Bonnotte – „die kleine Gute“ – ist die teuerste Knolle der Welt.

Die Versteigerung eines Fünf-Kilo-Sackes aus der ersten Ernte brachte 1996 in Paris 15000 französische Francs ein, umgerechnet gut 450 Euro pro Kilo. Im französischen Handel kostet das Kilo bis zu 6,50 Euro. Die allerersten Bonnottes des Jahres sind die teuersten. Und die feinsten.

Nicolas Paille ist der Herr der Knollen

Nicolas Paille ist der Direktor der landwirtschaftlichen Genossenschaft „La Noirmoutier“. Unter diesem Markennamen vertreibt der Verband fünf Sorten Frühkartoffeln, die alle von der Atlantikinsel stammen. Sie heißen Sirtema, Lady Christ’l, Iodéa, Charlotte – und das Flaggschiff der „Coopérative“: Bonnotte. Der Direktor steht auf dem Hof der Genossenschaft, wo einige Bauern auf ihren Traktoren sitzen und warten, bis sie mit dem Abladen ihrer Charge dran sind. Das kann schon mal ein, zwei Stunden dauern.

Paille ist derzeit ein gefragter Mann. Sein Handy klingelt ohne Unterlass. Mitte März begann die Ernte der ersten Kartoffeln, noch bis in den August hinein wird sie andauern, und Paille hat alle Hände voll zu tun. Ein Arbeitstag hat zu dieser Zeit mindestens zehn Stunden. Die Erntezeit der Bonnotte ist extrem kurz, sie beginnt immer am ersten Samstag im Mai und dauert nur eine Woche.

Ernte nur mit der Hand

30 Bauern gehören der 1945 gegründeten Genossenschaft an, sie produzieren 12000 Tonnen pro Jahr. Auf wenigen Hektaren in kleinen Parzellen ernten sie etwa 100 Tonnen der kostbaren Bonnotte, deren Schale nach 90 Tagen in der Erde noch so zart und empfindlich ist, dass sie ausschließlich per Hand geerntet werden darf. Dass sie so teuer gehandelt wird, liegt auch an ihrer Einzigartigkeit: Nirgends sonst auf der Welt gedeihen Kartoffeln in einer vergleichbaren Umgebung.

Noirmoutier liegt südlich der Loiremündung unterhalb der Stadt Nantes im Departement Vendée. Der Golfstrom wirkt sich auf das Inselklima aus, es regnet selten und friert fast nie, die Temperaturen sind angenehm und die Strände lang und weit. Bei Ebbe gelangt man über die „Passage du Gois“ zur Insel, ein viereinhalb Kilometer langer Dammweg, der vom Kontinent, wie man dort sagt, geradewegs durch das Watt führt.

Kartoffeln auf knapp 400 Hektar

Seit 1971 verbindet zudem eine hohe Brücke den Süden der Insel mit dem Festland. Zwischen Salzwiesen, Gärten für die Gewinnung des Fleur de Sel und niedrigen, weiß getünchten Häusern sowie auf einer weiten Ebene im Norden der Insel liegen die Kartoffelfelder.

3000 Äcker auf einer Gesamtfläche von etwa 400 Hektar, nur fünf davon sind für die berühmteste Knolle reserviert. Das Wort Acker ist sonst etwas irreführend, denn die Bonnotte und ihre Verwandten wachsen in sandigem Boden. Der ist so locker, dass er die Kartoffeln kaum verformt. Patrick Michaud ist einer der 30 Landwirte und zugleich Präsident der Genossenschaft. „Heute ist ein guter Tag für die Ernte“, sagt Michaud.

Es ist zehn Uhr morgens, die Mai-Sonne scheint aufs Feld, es herrschen angenehme 19 Grad. Gerade hat er mit seinem Trecker und einem kleinen Pflug die Kartoffeln aus der Erde gelöst. Viele Reihen haben Michaud, sein Sohn Jordan und seine Frau Odile in den ersten Stunden des Tages schon per Hand geerntet.

Seetang für eine nährstoffreiche Erde

Stück für Stück legen sie die zarten Bonnottes in kleine Transportkisten. Schon Michauds Vater war Kartoffelbauer, sein Sohn will auch einer werden. Der 24-Jährige ist fast fertig mit seinem Landwirtschaftsstudium und wird bald den Hof der Familie übernehmen. Im Oktober, November, nach den Herbststürmen, fahren die Bauern mit ihren Traktoren raus an den Strand, um bei Ebbe Seetang zu sammeln.

Der kostbare „goémon“ wird dem sandigen Boden beigemischt, was ihn nicht nur mit vielen Nährstoffen anreichert und der festen gelbfleischigen Kartoffel den exquisiten Geschmack nach Meer und eine gewisse Süße verleiht, sondern die Erde auch dunkler macht. Diese speichert das Sonnenlicht besser und schützt die zarten Kartoffelpflanzen vor Kälte oder Frost. „So können wir die ersten Setzlinge bereits im Dezember auspflanzen“, erklärt Patrick Michaud.

 

Weitere Details zur Ernte der teuersten Kartoffel der Welt sowie feine Rezepte gibt es in der aktuellen FOOD&FARM Mai/Juni 2019.