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Wieder ausgegraben: Das Comeback alter Sorten und Rassen

Autorin: Susanne Wächter

Fruchtig schmeckende Tomaten, Kartoffeln mit einer leicht buttrigen Note und aromatisch-saftiges Fleisch zaubern uns ein Lächeln auf die Lippen. Die kleinen Geschmacksexplosionen erinnern uns an eine andere, eine bessere Zeit. Leider verblasst das Lächeln beim Blick ins Supermarktregal. Im Angebot sind optisch makellose, auf Ertrag getrimmte, aber nur wenige vitaminreiche, saisonale oder wertvolle Produkte. Dabei liefert uns die Natur so vielfältige Schätze, die unseren Speiseplan bereichern und nebenbei auch noch unglaublich gesund sind: die alten Sorten und Rassen.

Verbraucher denken um

Spätestens seit der Ernährungsstudie der Techniker Krankenkasse steht fest: Wir essen am liebsten das, was gesund ist. Dabei setzen wir auf regionale Produkte, essen seltener, aber dafür bewusster Fleisch und wählen immer häufiger Bioprodukte. Der Verbraucher ist kritischer geworden. Er will nicht nur wissen, wie sein Steak oder Kotelett einmal gelebt hat, ihm ist auch wichtig, dass dabei die Umwelt möglichst wenig Schaden nimmt. Was das mit dem Retro-Trend zu tun hat? Eine ganze Menge:

Im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung sehnen wir uns zurück in eine Zeit, in der Individualität noch einen Wert hatte. Eben so, wie zu Omas Zeiten. „Die psychologische Forschung zeigt, dass nostalgische Gefühle vor allem von negativen Empfindungen, von Besorgnis und Verunsicherung ausgelöst werden. Nostalgie erlaubt es den Menschen, sich mental an einen vertrauten und sicheren Ort zurückzuziehen und sich so innerlich zu stabilisieren“, heißt es im Vorwort einer weiteren Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Was die Forscher eigentlich mit Blick auf die politischen Verhältnisse in der Europäischen Gemeinschaft herausgefunden haben, lässt sich durchaus auf die Lebensmittelbranche und Landwirtschaft übertragen. Auch weil die Lebensmittelbranche immer wieder im Zentrum von Lebensmittelskandalen steht. Mit Pestiziden belastetes Obst und Gemüse oder nicht artgerechte, gar quälerische Tierhaltungsformen und nicht zuletzt der Klimawandel bringen immer mehr Menschen zum Umdenken. Sie besinnen sich auf das Alte und Bewährte. Auf die alten Sorten und Nutztierrassen. Schließlich, so empfinden es viele Verbraucher, war früher alles ein bisschen besser.

Alte Tierrassen oft robuster gegen Krankheiten

Für die einzelnen Nutztierrassen trifft dies auch vielfach zu. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) rettet alte Nutztierrassen, weil sie robuster gegen Krankheiten sind und zur ökologischen Vielfalt einfach dazugehören. Die moderne Tierzucht gerate mit ihrer einseitig ausgerichteten Leistungszucht immer wieder in eine Sackgasse, erklärt die GEH, die ihren Sitz im hessischen Witzenhausen hat. Auf dem Klefhof im Bergischen Land, vor den Toren Kölns, setzen Ivgeny Ivanov und seine Frau Katrin Below- Ivanov auf genau solche alten Tierrassen.

„Unsere Landschweine zum Beispiel eignen sich hervorragend für die Weidehaltung, die wir auf jeden Fall bevorzugen“, sagt Ivanov. Auch seien sie weniger stressanfällig. In den Gewächshäusern bauen die Ivanovs alte Gemüsesorten an. Auch diese sind besser an die vorherrschenden Bedingungen angepasst – und schmackhafter seien sie allemal. Für die Betreiber des Bioland-Hofs haben die alten Sorten noch einen weiteren Vorteil: Sie sind von Haus aus schädlingsresistenter. Denn als Bio-Betrieb sind sie stark darin eingeschränkt, gegen Schädlinge vorzugehen.

Oft sind es junge Leute, die Altbewährtes entdecken

Im hohen Norden hat Sven Gramsch das vom Aussterben bedrohte Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind für sich entdeckt. Der Junglandwirt aus Jade schätzt dessen ruhiges Wesen und Widerstandsfähigkeit. „Wir haben es auch mit anderen Rassen probiert, sind aber immer wieder auf das Deutsche Schwarzbunte zurückgekommen.“ Es sind oft die jungen Landwirte, die die alten Sorten und Rassen neu entdecken.

Auf alte Kartoffelsorten setzt der Familienbetrieb Ellenberg in der Lüneburger Heide. „Mein Vater Klaus wollte irgendwann nicht mehr von den großen Zuchtunternehmen abhängig sein. Diese beschränken sich nur auf ein paar wenige Sorten, was sich leider auf den Geschmack niederschlägt“, sagt Julius Ellenberg, einer der beiden Söhne. Der Familienbetrieb setzt deshalb auf Vielfalt. „Für die Kartoffelvielfalt für weiße, hell- bis tiefgelbe, rosa, rote, lila und blaue, für würzige, buttrige, süße und erdige Kartoffeln nehmen wir Sorten mit weniger Ertrag oder Resistenzen gerne in Kauf“, erklärt Ellenberg. Für ihn und seine Familie steht das Geschmackserlebnis im Vordergrund, für sie ist es ein Stück „Lebensqualität“.

Infos und Adressen:

BARUM
Familie Ellenberg hat eine Mission. Auf ihrem Hof in Niedersachsen ist ihr die Erhaltung und der Ausbau vielfältiger Kulturpflanzen ein großes Anliegen.Dort gedeihen über 100 verschiedene Kartoffelsorten. Und der Verbraucher kann sie online bestellen.

www.kartoffelvielfalt.de

HANNOVER
Im Vermehrungsgarten haben sich Laien und Fachleute zusammengeschlossen, um alte Nutzpflanzen zu kultivieren. Sie wollen dazu beitragen, dass nicht mehr im Handel erhältliche, aber wertvolle, weil robuste und schmackhafte Sorten erhalten bleiben. Mit Workshops und Info-Veranstaltungen.

www.vermehrungsgarten.de

KASSEL
Vor den Toren Kassels liegt der wissenschaftliche Versuchsbetrieb für Ökolandwirtschaft der Universität Kassel, das Gut Frankenhausen. Dort lernen nicht nur angehende Agrarwissenschaftler, auch jedermann kann selbst sein Gemüse ernten. Das Gut mit Hoaden setzt vor allem auf alte Sorten und Nutztiere. Mehr über die Website der Uni Kassel.

www.uni-kassel.de

NORDHORN
Innerhalb des Nordhorner Tierparks gibt es ein ganz besonderes Areal – die beiden historischen Vechtehof- Gebäude. Sie beherbergen nämlich etliche vom Aussterben bedrohte Nutz- und Haustierrassen wie das Bunte Bentheimer Schwein oder das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind.

www.tierpark-nordhorn.de

 

Weitere spannende Adressen finden Sie in unserer neuen Ausgabe von FOOD&FARM. Außerdem erklären wir darin, wie Sie alte Sorten, wie die Saubohne, die blaue Anneliese (Kartoffel), Beckers Blaue (Tomate), Haferwurz oder den irischen Blätterkohl im eigenen Garten anbauen. 

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