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Gans im Glück – zu Besuch auf dem Claßen-Hof

Text: Christian Stede

Ein idyllisch gelegener Hof bei Feldern im Oldenburger Land. Dutzende Gänse toben sich auf der Wiese aus, verstecken sich im Mais oder knabbern im Gras herum. Die Sonne scheint, und die Tiere watscheln fröhlich umher. Dem Gehör nach zu urteilen, haben sich unter ihnen mehrere Diskussions- bzw. Schnatterrunden gebildet.

„Gänse sind deutlich einfacher zu handhaben als Kühe“, erklärt Johann-Michel Claßen. „Wenn ich jeden Abend so viele Kühe in den Stall treiben müsste, wie ich Gänse habe, hätte ich wohl schon längst aufgegeben“, lächelt der junge Landwirt.

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Foto: Claßen-Hof

 

„Gänse sind wohl auch deutlich gehorsamer als Kühe, würde ich mal behaupten.“ Man möchte ihm Recht geben. Die besondere Beziehung zur Gans bekommt der 32-Jährige gewissermaßen in die Wiege gelegt. Seine Eltern Michael und Aloysia erwerben Mitte der 70er einen alten Resthof, erbaut im Jahr 1911, zunächst nur mit der Motivation, das Landleben zu genießen.

Von der Planung eines bewirtschafteten Bauernhofes kann damals noch keine Rede sein. Als dann mit einigen Schweinen und Gänsen doch die ersten Tiere Einzug halten, unterschätzen die Claßens den Fortpflanzungsdrang der Gänse – aus den ursprünglich zehn Gänsen werden schnell mehrere Hundert.

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Foto: Claßen-Hof

1986 schließlich macht Michael Claßen den Hof und seine Leidenschaft für Gänse zum Hauptberuf. Vier Jahre später übernimmt Johann-Michael den Hof offiziell von seinem Vater. Das beachtliche Rüstzeug des Juniors: eine landwirtschaftliche Ausbildung, ein Bachelor in Wirtschaftsingenieurwesen für Lebensmittelproduktion sowie einen Master in Unternehmensführung in der Agrarwirtschaft verfügt.

Verwertung nach Nose-to-Tail-Prinzip

Was einmal mit einer Handvoll Gänsen begann, hat mittlerweile ganz andere Dimensionen: Heute sind es 10.000 Tiere, die jedes Jahr auf dem Hof der Claßens heranwachsen. Dabei handelt es sich um eine Kreuzung aus Deutscher Legegans, einer regionalen alten Gänserasse, und einer Dänischen Gans. Das Gefieder ist weiß, was insofern wichtig ist, als dass neben dem Fleisch auch noch das Federkleid weiterverarbeitet wird. Die Verwertung nach dem Nose-to-tail-Prinzip ist ein weiterer Faktor, auf den Johann-Michel Claßen großen Wert legt, doch dazu später mehr.

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Foto: Claßen-Hof

Da Gänse ausgesprochene Pflanzenfresser sind, macht eine Haltung nur bei ausreichend großem Grünauslauf Sinn. Teilt man die Fläche von Claßens Hof durch die Anzahl der Tiere, kommt man auf etwa zehn Quadratmeter Auslauf pro Gans, was für Schlachttiere vergleichsweise viel ist. Eine Regel besagt, dass man überzüchtete Betriebe an einer zum Zeitpunkt der Schlachtung heruntergekommenen Grasnarbe erkennen kann.

An natürlichen Gewächsen findet das Federvieh Maisfelder, durchsetzt mit Klee, und Erbsen vor. „Der Mais bietet viele Vorteile, nicht nur, was die Nahrung betrifft“, so Claßen. Denn im Maisfeld können sich die Gänse gut vor Raubvögeln verstecken. Ein Adler oder Bussard würde niemals in einem solchen Feld landen, um nach Beute Ausschau zu halten.

Männlein und Weiblein leben zusammen

Männchen und Weibchen werden nicht voneinander getrennt, sondern leben gemeinschaftlich zusammen, so wie sie aus dem Ei kommen. „Das Geschlechterverhältnis hält sich bei unseren Gänsen in etwa die Waage“, erklärt Claßen junior. Frisch geschlüpft, erhalten sie zunächst ein spezielles Kükenstarterfutter, das reich an Nährstoffen ist. Aber auch später bekommen die Gänse nicht nur das zu fressen, was sie selbst auf dem Hof finden.

Der Landwirt legt Wert darauf, dass die Tiere nur natürliche Substanzen bekommen, in erster Linie Weizenmehl, Mais und Hafer, der einen hohen Fettgehalt aufweist. Weil die Gänse geschlachtet werden, ist es wichtig, dass zu diesem Zeitpunkt mehr an ihnen dran ist als an einer Wildgans. Auf dem Claßen- Hof werden die meisten Gänse bereits nach 22 Wochen geschlachtet, Stoppelgänse bereits nach neun Wochen. Eigentlich schade, denn die zutraulichen und neugierigen Tiere können bis zu 30 Jahre alt werden.

Eier werden per Hand aufgesammelt

Doch den Claßen-Hof-Gänsen geht es während ihres kurzen Lebens gut. Ihre Legezeit beginnt jedes Jahr im Februar und dauert bis Juli. Die Eier werden dann alle per Hand aufgesammelt. Ihre Nester bauen sich die Gänse selbst, allerdings hören sie wieder auf zu legen, wenn man die Eier nicht aus dem Nest herausnimmt.

Das Brüten geschieht dann außerhalb des Hofes in einer Brüterei. Dass die Gänseküken – im Fachjargon Gössel genannt – fernab von ihren Eltern schlüpfen, hat für sie den großen Vorteil, dass sie vor natürlichen Fressfeinden geschützt sind. „Von Füchsen hatten wir auf dem Hof öfter schon einmal Besuch, von Wölfen aber zum Glück noch nie“, berichtet Claßen. „Wir haben einen Elektrozaun, der außen herum verläuft.“ Allerdings komme ein schlauer Fuchs da auch schon mal durch. Gänsefleisch mag eben nicht nur der Mensch.

 

Die ganze Geschichte über den Claßen-Hof plus jede Menge kreative Rezepte mit Gans gibt es in der aktuellen Ausgabe von Food&Farm.