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Tolle Knolle: hier leuchten alte Kartoffelsorten in vielen Farben

Kartoffelkult I Foto Jennifer Braun-0051 Kopie

Heinrich Trippen baut in vierter Generation Kartoffeln am Niederrhein an. Mit der Übernahme des väterlichen Hofs hauchte er alten Sorten wieder neues Leben ein.  

Autorin: Julia Floss

Morgen geht’s los.“ Heinrich Trippen steht auf einem seiner Kartoffeläcker. Das leuchtend grüne Laub reicht ihm bis zu den Knien. „Das hier sind die etwas früheren Sorten. Darauf warten die Kunden schon.“ Der 32-Jährige wirft einen prüfenden Blick auf das Blattwerk unter ihm. Auf den ersten Blick sehen die langen, grünen Reihen völlig identisch aus. Kartoffelpflanzen, so weit das Auge reicht.

Heinrich Trippen baut, ähnlich wie sein Vater vor ihm, zu einem Großteil Kartoffeln der Sorte Lady Anna an, eine klassische Wintersorte. Er nennt die dicken Knollen „Pommeskartoffeln“. Die Grundlage der frittierten Stäbchen sind das wirtschaftliche Fundament des Hofs. Der Hauptabnehmer, eine niederländische Pommes-Frites-Fabrik, liegt nur zwei Autostunden entfernt von Rommerskirchen. Die nächste deutsche Fritten-Manufaktur mit ähnlichen Qualitätsansprüchen läge sage und schreibe acht Autostunden entfernt, in Bayern.

Auf dem Acker: La Ratte, Vitelotte, Blauer Schwede

2013 übernahm Trippen, in vierter Generation, gemeinsam mit seiner Frau Carmen Coenen den Kartoffelhof in der Nähe von Köln. Über Jahrzehnte hinweg baute sein Vater beinahe ausschließlich Pommeskartoffeln an. Mit der Übernahme entschied sich das Paar für eine Neuausrichtung des Traditionshofs, beziehungsweise für eine grundlegende Erweiterung des Sortiments.

Sie beschlossen, alte, zum Teil längst vergessene Kartoffelsorten anzupflanzen. La Ratte, Bamberger Hörnchen, Vitelotte, Blauer Schwede, Blauer Sankt Galler, Rote Emaille – hinter den farbenfrohen Namen könnten sich auch altehrwürdige Pferderassen verstecken anstelle von violetten und pinken Stärkeknollen.

Was als Experiment begann, ist inzwischen Aushängeschild des Betriebs. „Wir haben ganz klein angefangen, mit insgesamt zehn Kilo ausgepflanzten Kartoffeln. Mehr für den Eigenbedarf, Freunde und Familie. Wir wollten uns das erst mal angucken. Probieren.“ Trippen schmunzelt vielsagend. Mittlerweile erntet und verkauft er zehn bis zwölf Tonnen je Kartoffelsorte im Jahr. Das ist zwar immer noch kein Vergleich zu den 2000 Tonnen Pommeskartoffeln, allerdings sind Anbau und Ernte der alten Sorten wesentlich aufwendiger. „Wir produzieren von den alten Kartoffeln immer einen Ticken zu wenig und sind dann irgendwann ausverkauft“, berichtet Trippen. „Dann müssen die Kunden eben auf die Frischen im nächsten Jahr warten. Das ist ein sehr arbeitsintensives Produkt.“

Handarbeit und Selbstverwirklichung auf dem Kartoffelhof

Wie zum Beweis rupft der junge Kartoffelbauer eine dicke Pflanze aus dem Boden. Er schüttelt das bauschige Laub und kneift die Augen zusammen. Ein dicker Schwall Erde und Staub rieselt auf seine Schuhe. Die erdige Hand greift zum Wurzelwerk und legt fünf leuchtend violette Knollen frei. „Bei den Pommeskartoffeln läuft das quasi vollautomatisch. Da macht die Maschine ja fast alles. Die Kollegen hier“, er schüttelt die Kartoffelpflanze erneut, „werden erst vorgekeimt, mit der Hand gepflanzt und dann von Hand geerntet. Das ist dann eine Woche mit guten Freunden. Sehr guten Freunden.“ Er lacht und stapft weiter durch das raschelnde Kartoffelgebüsch.

Der Traditionshof ist ein fünf Hektar großer Betrieb. Die Flächen liegen verstreut zwischen Stommeln, Grevenbroich und Rommerskirchen. „Früher waren wir immer ein großer Hof, mittlerweile zählen wir zu den kleinen. Zeiten ändern sich“, zuckt Heinrich Trippen mit den Schultern. Nach der Übernahme änderte das Paar den Namen des Betriebs. Das Logo „Kartoffelkult“ prangt heute auf den hauseigenen T-Shirts und Papiertüten. Der dazugehörige Instagram-Account zeigt Bilder von bunten Kartoffeln und frischem Gemüse, eigene Rezeptideen, Kooperationen mit Köchen und Restaurants und immer wieder Arbeiten auf dem Feld.

Heinrich Trippen und seine Frau gehören zu einer neuen, jungen Generation von Landwirten. Für die beiden schließen sich Tradition und Innovation genauso wenig gegenseitig aus wie Wirtschaftlichkeit und Idealismus. Die eigene Vermarktung stellt für die beiden kein notwendiges Übel dar, sondern ist viel mehr Motivation und Selbstverwirklichung. „Wir bauen das an, worauf wir Lust haben. Dann beschäftigt man sich auch wieder damit. Dann kann’s nicht langweilig werden.“

Außerdem im Anbau: Chili, Auberginen, Tomaten und vieles mehr

Der Landwirt untersucht beiläufig seine Kartoffelpflanzen, während er erzählt. Ein paar Feldreihen weiter stehen Freilandtomaten neben Chilis und Auberginen. Butterkohl, die Urform vom Wirsing, und Spitzkohl wachsen neben gelben Kugelzucchini und Gurken. Unter einer schwarzen Plane gedeihen Süßkartoffeln. Das Gemüse dient nicht nur dem Eigenbedarf, sondern auch der Felderwirtschaft. „Wir verkaufen da schon ein bisschen was im Hofladen, aber eigentlich geht’s um die Fruchtfolge“, erklärt er. „Man sollte nicht jedes Jahr dasselbe Gewächs auf derselben Flächen anbauen.“ Trippen bleibt ruckartig stehen und greift beherzt ins Gebüsch. „Da ist einer! Ich wusste es! So sieht er aus. Der Feind.“

An der Unterseite des Blattes sitzt ein dicker gestreifter Käfer und guckt reichlich unbeeindruckt. „So’n Kartoffelkäfer kann einem rucki, zucki die komplette Ernte versauen. Mein Vater hat immer erzählt, dass sie als Kinder die Käfer einsammeln mussten. Damals hießen die Herbstferien auch noch Kartoffelferien.“

„Kartoffelkult“ ist laut Zertifizierung ein konventioneller Betrieb und kein Bio-Hof. Heinrich Trippen erklärt warum: „Wir können uns damit nicht zu 100 Prozent identifizieren. Wir sind offiziell ein konventioneller Betrieb, aber wir arbeiten so ökologisch und nachhaltig wie möglich. Die Kartoffeln im Lager werden zum Beispiel mit Pfefferminzöl bestäubt, damit sie nicht keimen. Das kostet zwar das Zigfache, aber der Aufwand ist es uns wert.“ Trippen arbeitet auch mit organischem Dünger wie Kompost oder Rindergülle von einem befreundeten Betrieb. Der Landwirt begreift seine Anbauflächen als wertvolles, schützenswertes Erbe.

(…)

 

Mehr über Heinrich Trippen und seinen Kartoffelhof sowie zahlreiche Praxistipps für den Kartoffelanbau zu Hause finden Sie in der neuen Ausgabe von FOOD&FARM. Plus: Drei feine Rezepte mit Kartoffeln – Kartoffelkuchen mit Birnen, Bratkartoffeln mit Steinpilzen und Backesgumbeere. Guten Appetit! Heft bestellen